Mittwoch, 10. Juni 2009

Wahlkarneval in Iran

Junge Welt / 11.06.2009 / Schwerpunkt / Seite 3

Wahlkarneval in Iran

Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Präsident Ahmadinedschad und seinem Herausforderer Mussawi. Ihre Anhänger wetteifern auf den Straßen um die schrillste Unterstützung

Von Jürgen Cain Külbel, Teheran

Am Shahid Doktor Bahonar Square, hoch droben in Teherans Norden, 700 Meter über Downtown, tobt allabendlich eine Wahlschlacht, die einen Hauch von brasilianischem Karneval verbreitet. Während auf einer Straßenseite die Anhänger von Präsident Mahmud Ahmedinedschad auf den Dächern ihrer Autos und dem Bürgersteig tanzen, hüpfen, singen, riesige Porträts und Iran-Flaggen schwenken, skandieren die Fans des Präsidentschaftskandidaten Mirhossein Mussawi auf der anderen Seite lauthals mit Sprüchen, wedeln mit Postern und versprühen Unmengen von Schneespray in vorüberfahrende Autos sowie auf die Köpfe derer, die nicht schnell genug flüchten können. Laut sind sie, am schrillsten zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens; aber es geht friedlich zu. Wenn die Chinaböller allzuoft zwischen den Tausenden Menschen landen, dann schreitet die Polizei ein: Mittels zweier Marschreihen, die trillernd und im lockeren Laufschritt einige Minuten lang in der Straße herumirren, ohne jemandem ein Haar zu krümmen.

Am Freitag wählt Iran seinen neuen Präsidenten. Der Wächterrat hat vier Kandidaten zugelassen: Amtsinhaber Mahmud Ahmadineschad, Exministerpräsident Mirhossein Mussawi, Ex-Parlamentssprecher Mehdi Karrubi und den ehemaligen Chef der Revolutionären Garden, Mohsen Resai. Die Herausforderer möchten das Verhältnis zu den USA verbessern und Transparenz im Nuklearprogramm herstellen. Während Rezai für eine gemeinsame Urananreicherung in Iran mit Rußland, Europa und den USA wirbt, fordert Karrubi das Know-how der Atomtechnik ein. Doch längst zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem jetzigen Präsidenten und seinem Herausforderer Mussawi ab.

Hitzige TV-Debatte

In einer hitzigen TV-Debatte zwischen Ahmedinedschad und Herausforderer Mussawi, ein Novum in Irans Staatsfernsehen, von Millionen Zuschauern verfolgt, verteidigte der Präsident seine Innen- und Außenpolitik: »Während der letzten vier Jahre konnte sich der Iran würdig entwickeln, sowohl innerhalb wie außerhalb der Landesgrenzen.« Der Kontrahent griff frontal an: »Es wurde uns großer Schaden zugefügt. Die Spannungen zwischen dem Iran und den anderen Länder wachsen. Ist das wirklich in unserem Interesse?« Iran, so Mussawi, müsse seine abenteuerliche, labile, extremistische Außenpolitik ändern und sich moderat verhalten. Ahmadinedschad indes betitelte seine Gegner »als Unwissende, die ihre Augen vor den Tatsachen der Welt geschlossen haben«. Kritik wegen hoher Inflation, steigender Arbeitslosenzahl, Wohnungsmangel schmetterte er ab, da es »die sozialen Probleme nicht erst seit vier Jahren gebe« und das keine neuen Themen seien. Zudem warf er allen Regierungen der letzten 24 Jahre vor, korrupt oder untauglich gewesen zu sein, den Iran korrekt zu führen.

Tatsächlich steckt die Wirtschaft trotz rasant steigender Einnahmen auf dem Ölmarkt in einer tiefen Krise: Lebensmittel. und Konsumgüterpreise steigen ständig, die Inflationsrate liegt über der 20-Prozent-Marke, die Arbeitslosigkeit, insbesondere unter Jugendlichen, nimmt kontinuierlich zu. Zudem sind 270 Milliarden Dollar Einnahmen aus den letzten drei Ölboomjahren spurlos verschwunden.

Einige inländische Beobachter sagen Ahmadinedschad 60 Prozent der Stimmen voraus, während andere Mussawi vorn sehen. Ausländische Wahlbeobachter, wie der Inder Dr. Naved Jamal, Mitarbeiter am Department of Political Science des Jamia Millia Insitutes in Neu-Delhi, sehen das anders: »Die Wahl wird sich in den letzten drei Tagen entscheiden. Ahmadinedschad wird bei den ärmeren Schichten punkten«, erklärte er junge Welt. Der russische Historiker und Duma-Abgeordnete Gennadi Petrovitsch, der die Islamische Revolu tion 1979 hautnah erlebte, seitdem mit Unterbrechungen im Lande ist, weiß, daß Ahmedinedschad »seine Stimmen nicht in Teheran, sondern aus den anderen Städten des Landes sowie von der Landbevölkerung erhalten werde«. Der frühere pakistanische Außenminister und Botschafter in den USA, Akram Zaki, sagte junge Welt, »die iranische Regierung ist stark, stärker als unsere und die anderer Länder der Region. Ahmadinedschad wird das Rennen machen.«

Huldigung in grün

Mussawi, der ankündigte, »Sittenpolizei« und Gesetze abschaffen zu wollen, die Frauen diskriminieren, punktet vor allem bei Jugendlichen und Studenten. Und das auch wegen Gattin Rahnavard, früher Dekanin der Frauenuniversität Al Azar in Teheran, die bei seinen Wahlkampfauftritten die Eröffnungsrede hält. Die heutige Künstlerin wird bereits von den »Grünen« als Mussawis »Michelle« – in Anlehnung an Obamas Ehefrau – gefeiert.

Mit Grün, der Farbe des Islam, huldigen vor allem junge Frauen und Männer ihrem Kandidaten: Junge Damen haben den langen, dunklen Tschador gegen einen grünen getauscht, lackieren die Fingernägel grün, tragen grüne Kopftücher und Lidschatten; junge Männer schmücken sich mit grünen Arm- und Stirnbändern, tragen grüne T-Shirts. Amin, ein 16jähriger Schüler, der mit grüner Hose, Hemd, Spitzhut herumläuft, einen großen belaubten Ast am Shahid Doktor Bahonar Square mit sich herumschleppt und aussieht wie ein Waldschrat, »möchte den Wandel. Er will Alkohol trinken können und sich mit seiner Freundin offen zeigen können«.

Es sind die »Kinder der Reichen, die sowieso schon alles haben und nicht genug bekommen können«, die hier Tag um Tag vom späten Nachmittag bis nachts um zwei, drei die Straßen friedlich okkupieren, um den »Change Iran« einzuleiten, erklärt Hojjat, einer, der am Ende der Nacht den Dreck der Jungen von der Straße kehren muß, mit säuerlicher Miene. Hier, an den Hängen des nahen Elburs-Gebirges, weiß er die Begüterten der Stadt zu Hause. »Und die, diese Leute von da droben, wählen Mussawi.« Er sei, wie die Mehrheit der Bevölkerung auch, mit Präsident Ahmadinedschad zufrieden, weil er etwas für das ganze Land tue, vor allem für die Armen. »Ahmadinedschad sagt seine Meinung, da interessieren ihn keine USA und UNO, die sowieso nichts Gutes im Schilde führen«, weiß der Straßenfeger.

Der amtierende Präsident erhielt am vergangenen Donnerstag vom geistlichen Oberhaupt, Ajatollah Ali Khamenei, zusätzlich Rückendeckung: Anläßlich einer Zeremonie zu Ehren des verstorbenen Revolutionsführers Khomeini, zu der sich in Teherans Heiligem Schrein an der Ausfallstraße Richtung Qom Millionen Gläubige unter sengender Sonne versammelt hatten, griff der die USA noch kurz vor Obamas Rede in Kairo heftig an. »Die Nationen in diesem Teil der Welt hassen die USA zutiefst. Auch wenn diese süße und schöne Reden vor den muslimischen Ländern halten, ändert dies nichts.« Israel betitelte er als »Krebsgeschwür im Herzen« der muslimischen Länder. Nach der Zeremonie schmückten die Gläubigen ihre Autos vorzugsweise mit Bildern von Ahmadinedschad. Auch die vielen Geschäfte des Basars im Herzen der Stadt, ein Labyrinth kolossalen Ausmaßes, wo die Händler eigentlich mit der miesen Wirtschaftslage kämpfen müßten, sind merkwürdigerweise fast ausschließlich mit Wahlwerbung für Ahmadinedschad geschmückt; was seine Kritiker eigentlich strafen sollte.

Am Freitag wird eine hohe Wahlbeteiligung erwartet, vor allem unter den Jungwählern; 70 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre. Das kleine Mädchen, das aus dem Schiebedach des Autos herausguckt, mit einem Bildnis von Mussawi winkt und dazu mit piepsiger Stimme »Ahmedinedschad, Ahmedinedschad« ruft, muß sich jedenfalls bis dahin nicht entscheiden.