Dienstag, 26. Mai 2009

»Klarer Versuch, Unruhe anzuheizen«

Junge Welt / 27.05.2009 / Ausland / Seite 6

»Klarer Versuch, Unruhe anzuheizen«

Libanon: Angebliche Spiegel-Enthüllungen zum Hariri-Mord sorgen weiter für internationale Reaktionen

Von Jürgen Cain Külbel

Die Behauptung des Nachrichtenmagazins Der Spiegel vom Wochenende, wonach eine Sondereinheit der schiitischen Hisbollah-Miliz im Libanon den Mord am Expremier, dem Milliardär Rafik Hariri, im Februar 2005 »geplant und exekutiert« habe, sorgte nicht nur im arabischen Raum weiter für Aufregung. So bezeichnete Rußlands Außenminister Sergei Lavrov die Veröffentlichung als »Provokation«. Anläßlich seines Besuchs am Montag bei Libanons Premier Michael Suleiman meinte er, mit ihr sollten »die Angelegenheiten politisiert« werden. »Alle derartigen Versuche betrachten wir als provokativ.«

Syriens Außenminister Walid Al Moallem nannte den Beitrag »Lüge und wertloses Gekritzel«. Er fühle sich »an die Praktiken des früheren Untersuchers Detlev Mehlis erinnert«. »Die Art des Berichtes ist provokativ, das Timing ist keinesfalls naiv und, gekoppelt mit der israelischen Reaktion, ein klarer Versuch, Unruhe anzuheizen«, meint Fadia Kiwan, Leiter der Politischen Wissenschaften an Beiruts Saint-Joseph-Universität.

Die Hisbollah selbst sieht in der israelischen Reaktion auf den Bericht den Auftakt zur »Vorbereitung der Ermordung von Nasrallah«, so deren Vertreter Nawaf Moussawi. Nasrallah wertete, die Veröffentlichung sei »sehr gefährlich, gefährlicher als der Angriff auf den Bus in Ain Al-Rummaneh«, der einst zum libanesischen Bürgerkrieg geführt hatte. »Israelis und Amerikaner fragten sich, wie sie die Wahlen am 7. Juni ruinieren und den Ausgang beeinflussen können. Der Spiegel war ihre Antwort«, so Nasrallah.

Unterdessen nutzte der israelische Außenminister Avigdor Lieberman die Veröffentlichung dazu, einen »internationalen Haftbefehl« gegen den Generalsekretär der Hisbollah, Sayyed Hassan Nasrallah, zu fordern. Wenn es dazu nicht käme, »dann sollte er gewaltsam arrestiert werden«, erklärte Lieberman am Montag. 

Montag, 25. Mai 2009

Haltlose Anschuldigung

junge Welt / 26.05.2009 / Ausland / Seite 6

Haltlose Anschuldigung

Spiegel-Autor sieht in Hisbollah Drahtzieher des Hariri-Mords

Jürgen Cain Külbel

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel streut gegenwärtig, das UN-Sondertribunal zur Untersuchung der Mordattacke auf Libanons Expremier Rafik Hariri verschweige die Täterschaft der Hisbollah... [mehr]

Freitag, 22. Mai 2009

Oberstaatsanwalt vorgeladen

Junge Welt / 22.05.2009 / Ausland / Seite 6

Oberstaatsanwalt vorgeladen

Ermittlungen im Mordfall Hariri: Gerichtstermin in Paris am 4. Juni

Jürgen Cain Külbel

Muß der Berliner Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis in Paris am 4. Juni vor Gericht erscheinen? Zumindest bestätigte der zuständige Richter in der französischen Hauptstadt am vergangenen Dienstag laut der Beiruter Tageszeitung L’Orient – Le jour, daß zwei Verleumdungsklagen »gegen Unbekannt« geprüft worden seien. Für den 4. Juni sei nunmehr ein Termin anberaumt worden, um Kläger und »zwei involvierte Personen« zu hören. Dabei handele es sich um Detlev Mehlis, ehemals Leiter der internationalen Untersuchungskommission zum Mord am libanesischen Expräsidenten Rafik Hariri, sowie Johnny Abdo, Exbotschafter des Libanon in den USA.

Kläger ist Generalmajor Jamil Al-Sayyed, ehemals Chef des libanesischen Geheimdienstes. Dieser hatte Mitte Mai in einem Interview angekündigt, er werde nach Paris fahren. Er wolle gegen diejenigen klagen, die verantwortlich dafür seien, daß er sowie drei weitere Offiziere »nahezu vier Jahre im Gefängnis verbringen mußten«.

Mehlis und sein »Assistent«, der Erste Kriminalhauptkommissar beim Bundeskriminalamt (BKA), Gerhard Lehmann, hatten 2005 in Al-Sayyed und den den libanesischen Generälen Raymond Azar vom Militärgeheimdienst, Ali Al-Hajj vom internen Sicherheitsdienst sowie dem Kommandeur der Präsidentengarde, Mustafa Hamdan, die Drahtzieher des Bombenattentates vom 14.Februar 2005 in Beirut gesehen. Diesem waren Hariri sowie 22 weitere Menschen zum Opfer gefallen. Vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan mit der Aufklärung des Mordes beauftragt, ermittelten sie eine »Verschwörung libanesisch-syrischer Sicherheitsbeamter« und brachten die Militärs hinter Gitter. Erst am 29. April 2009 ließ Daniel Fransen, Untersuchungsrichter beim Sondertribunal für den Libanon in Den Haag, die seit nahezu vier Jahren ohne Anklage in Beiruts Gefängnis Roumieh inhaftierten Offiziere auf freien Fuß setzen.

Al-Sayyed erklärte, die Inhaftierung hätte lediglich »politischen Zwecken« gedient, und nicht der Wahrheitsfindung. »Am 31. Mai 2005 hatte ich in meiner Wohnung ein Treffen mit Gerhard Lehmann, dem Vizechef der UN-Untersuchungskommission. Lehmann bat mich, dem syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad folgende Meldung zu übermitteln: Syrien setzt einen Untersuchungsausschuß ein und findet ein ›substantielles syrisches Opfer‹. Dieses solle gestehen, das Attentat ohne Wissen des syrischen Regimes aus persönlichen Gründen verübt zu haben. Das besagte ›Opfer‹ würde dann durch einen Autounfall oder einen Suizidversuch getötet aufgefunden werden, und die Akte wäre damit geschlossen, so daß der Weg für eine politische Lösung frei bliebe.«

Mehlis schob indes in der prowestlichen Beiruter Zeitung Al-Mustaqbal seinem Assistenten Lehmann den Schwarzen Peter zu: Er selbst habe den wichtigsten Kronzeugen, den in Dubai festgenommenen, seit 2005 flüchtigen Mohammed Zuhair Siddiq, ein Deserteur der syrischen Armee sowie mehrfach verurteilter Betrüger, »persönlich nicht getroffen. Ich las seine Aussage und fand sie wertvoll«. Die Ermittlungen hätten Lehmann und andere geführt.

Dienstag, 12. Mai 2009

Am Pranger

Junge Welt / 12.05.2009 / Ausland / Seite 7

Am Pranger

Washington macht Israels Atomwaffen überraschend zum Thema. Verwirrung und nervöse Reaktionen aus Tel Aviv

Von Jürgen Cain Külbel

Rose Gottemoeller, Staatssekretärin im US-Außenministerium, sorgte vor nunmehr einer Woche in New York auf der Sitzung der 189 Unterzeichnerstaaten des Atomwaffensperrvertrags für eine mittlere Sensation: Die USA erwarteten von Indien, Pakistan, Nordkorea und Is rael, dem Nichtverbreitungsvertrag von Atomwaffen (NVV) beizutreten. Die USA, so die Washington Times tags darauf (6.5.), zeige sich »vorbereitet, ein 40 Jahre altes Geheimabkommen, durch das Israels Nuklearwaffen vor internationaler Kontrolle abgeschirmt wurde, zum Entgleisen zu bringen«.

Bislang konnte sich Tel Aviv darauf verlassen, daß Washington die Kontrolle seiner Atomwaffenbestände verhinderte. In einem Geheimabkommen hatten Golda Meir und Richard Nixon 1969 vereinbart, daß sich Israel verpflichtet, keine Nukleartests durchzuführen; die USA verzichteten im Gegenzug darauf, Israel zur Ratifizierung des NVV zu drängen. Mit dem jüngsten Schritt bestätigte Wa shington nun erstmals die Existenz israelischer Atomwaffen. Das Land soll mittlerweile über mehr als 200 Nuklearsprengköpfe verfügen.

Die »dramatische Kehrtwende« (Washington Post) in der US-Politik erwischte die Israelis kalt. Ex-Knesset-Abgeordnete Uzi Even, ein Wissenschaftler, der auch im Atomreaktor Dimona tätig war, kritisierte: »Die Amerikaner wußten, daß Israel Kernwaffen besitzt, schauten aber in die andere Richtung. Jetzt brechen sie diese –stillschweigende – Übereinkunft.« Und Dov Weissglas, einst Chefstratege von Expremier Ariel Scharon, sprach im Armeeradio gar von einer »äußerst besorgniserregenden Entwicklung«, die die Sicherheit Israels langfristig gefährden könne. Das Außenministerium zeigte sich von der Forderung »verwirrt«, denn »es sei schwer zu verstehen, warum auf einen Vertrag, der sich als ineffizient erwiesen hat, beharrt werden sollte«. Das eigene Nuklearpotential ignorierend, versuchte Tel Aviv in der vergangenen Woche, den Schwarzen Peter weiterzureichen: »Das Wundermittel (NVV) hat kein Land davon abgehalten, sich Atomwaffen zu besorgen, wie wir es im Fall Iran sehen können.«

Hossam Zaki, Sprecher des ägyptischen Außenministeriums, hielt in der Jerusalem Post (7.5.) dagegen: Die Versuche des Westens, Teheran von seinem Programm zur zivilen Nutzung der Kernenergie abzubringen, würden scheitern, weil diese Politik Tel Avis Atomprogramm als »größte Bedrohung für die regionale Sicherheit nicht berücksichtigt. Israels Atomwaffen stören das Gleichgewicht im Nahen Osten und veranlaßt andere Staaten zu eigenen Atomplänen«.

Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Moussa, hatte schon im April in der saudischen Zeitung Al Medina gewarnt, es sei »Israels militärisches Nuklearprogramm, das die arabischen Länder beängstige, und nicht das iranische«. Es sei bewiesen, daß dieses militärisch sei. Dagegen gebe es »keinerlei Hinweise, daß Iran ein militärisches Nuklearprogramm betreibt«. Auch der Vorstoß des syrischen Präsident Baschar Al-Assad aus der vergangenen Woche geht in diese Richtung: »Jedes Land der Welt hat das Recht, Kernenergie für friedliche Zwecke zu nutzen, und das Recht wird durch einschlägige internationale Übereinkommen garantiert. Parteien, die Gespräche über den Verdacht auf ein militärisches Programm befürworten, sollen uns aus Gründen der Glaubwürdigkeit zeigen, was sie bezüglich des Jahrzehnten in Israel existierenden militärisch-nuklearen Programms unternommen haben.«

Washingtons Forderung, vermutet man in Tel Aviv, sei Teil der Drohkulisse, um Premier Benjamin Netanjahu zu Fortschritten im Friedensprozeß zu zwingen. Erst unlängst hatte US-Vize Joseph Biden barsch gefordert, Is rael solle an der Zwei-Staaten-Lösung festhalten und die Siedlungspolitik aufgeben: »Baut keine weiteren Siedlungen, reißt bestehende Außenposten ab, erlaubt den Palästinensern Bewegungsfreiheit und gebt ihnen Zugang zu ökonomischen Chancen.« Nun scheint Washington von der aggressiven Nahostpolitik George W. Bushs abzuweichen und die Beziehungen zu Israel auch anderen Zielen unterzuordnen. »Was die Israelis fühlen, ist, daß Obama irgend etwas Neues in Sachen Iran tun möchte. Das könnte sehr gut etwas Neues in Sachen des israelischen (Atom-)Programm einschließen«, meint Henry Sokolski, Direktor des Washingtoner nichtstaatlichen Instituts Nuclear Nonproliferation Policy Education Center.

Freitag, 8. Mai 2009

Mörder geben sich empört

Junge Welt / 08.05.2009 / Ausland / Seite 7

Mörder geben sich empört

Spanischer Richter ermittelt gegen israelische Kriegsverbrecher

Jürgen Cain Külbel

Richter Fernando Andreu vom Nacional Audience, dem höchsten Strafgerichtshof Spaniens, will sich mit israelischen Kriegsverbrechen befassen. Am Montag verkündete er, ein Gericht we... [mehr]

Mittwoch, 6. Mai 2009

Mossad-Pleiten in Libanon

Junge Welt / 06.05.2009 / Ausland / Seite 6

Mossad-Pleiten in Libanon

Beirut sieht wegen Aktivitäten von Israels Auslandsgeheimdienst im Land der Zedern UN-Resolution verletzt

Von Jürgen Cain Külbel

Seit September 2008 flogen in Libanon acht Spionagezellen auf, sechzehn Topagenten wurden identifiziert und verhaftet. Der jüngste Coup, so die Tageszeitung As Safir am Montag, gelang vergangene Woche: In Bourj Al-Barajneh, südlich von Beirut, wurde das »Sehmarani-Netzwerk« enttarnt. Haytham Sehmerani, Chef des Spionagerings und Sergeant in der Informationsabteilung der Polizei, gestand, »seit 2004 mit dem israelischen Geheimdienst zu kollaborieren«, schreibt die Zeitung Al-Akhbar. Seine Ehefrau verfüge über »eine bedeutende Menge an Informationen«. Libanons Sicherheitskräfte »konfiszierten bei Sehmerani eine PC-Anlage, mit deren Hilfe er Kontakt mit seinen israelischen Führungsleuten herstellte«. Zudem sammelte der Expolizist »detaillierte Informationen über Offizielle und Mitglieder des islamischen Widerstandes sowie über Büros der Hisbollah in Dahiyeh (in Beiruts Süden)«. In der Vernehmung gab er zu, »eine große Anzahl von Zielen markiert zu haben, die während des Libanon-Krieges 2006 (von Israel) zerbombt wurden. Seit vielen Jahren habe er auch Daten über Aktivitäten von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah und seine engen Berater gesammelt«.

Am Wochenende wurden während einer »Nachtaktion« drei weitere Agenten in der südlibanesischen Stadt Habboush arretiert. Lokale Medien identifizierten die Hosteß Elizabeth H. sowie Ali A. und Hussein K. Die arabische Tageszeitung Al-Hayat zitierte einen Geheimdienstoffiziellen, der »bestätigte, daß die drei für den Mossad spionierten und sich gegenwärtig im Gewahrsam der schiitischen Widerstandsbewegung Hisbollah befinden und nach Abschluß der vorläufigen Vernehmungen dem libanesischen Geheimdienst übergeben werden«.

Am Montag setzten die Sicherheitskräfte in den südlibanesischen Städten Sultaniyyeh und Beir Ntar zudem die Agentenbrüder Hassan und Jaafar Y. sowie den Spion Hussein H. fest. Ein anderer Agent flog im südlichen Nabatiyyeh auf. Laut Al-Akhbar, die sich auf die Aussage eines Offiziellen aus dem Sicherheitsapparat der Hisbollah stützt, handelt es sich dabei um den 55jährigen Autohändler Mustapha Awada, der in Koordination zwischen Polizei und Widerstandsorganisation enttarnt wurde. Awada verfügte über ausgeklügeltes technisches Equipment, darunter Überwachungskameras, die in den Seitenspiegel seines Autos eingebaut waren. Die Woche zuvor hatte sich der Agent Ali Mantash, dessen Mission es war, vier hochrangige Persönlichkeiten innerhalb der Hisbollah auszuspionieren, in den Netzen der libanesischen Sicherheit verfangen.

Innenminister Ziayd Baroud gratulierte am Montag dem Chef des Geheimdienstes der Polizei, Oberst Wissam Al-Hassan, und seinen Mitarbeitern, da sie für eine »Atmosphäre der Ruhe unter Libanons Bürgern« sorgten. Laut Al-Hayat erwäge das Land der Zedern, sich bei den Vereinten Nationen über die Mossad-Aktivitäten zu beschweren: Beirut sehe »die Resolution 1701 des Sicherheitsrates« verletzt, in der nach dem Libanon-Krieg zur vollständigen Einstellung der Feindseligkeiten zwischen Israel und Hisbollah aufgerufen wurde.