Samstag, 11. Juli 2009

»Die Iraner wollen Veränderung«

Junge Welt 11.07.2009 / Schwerpunkt / Seite 3

»Die Iraner wollen Veränderung«

Präsidentschaftswahl macht Notwendigkeit innenpolitischer Korrekturen deutlich. Bevormundung durch reiche Länder ist nicht zu akzeptieren. Ein Gespräch mit Ali Reza Sheikh Attar

Interview: Jürgen Cain Külbel








Ali Reza Sheikh Attar

Foto: Botschaft der Islamischen Republik Iran

Seine Exzellenz Ali Reza Sheikh Attar ist Botschafter der Islamischen Republik Iran in Berlin

Präsident Mahmud Ahmadinedschad kündigte am Dienstag im iranischen Staatsfernsehen eine »neue Ära der Kooperation« in der Innen- und Außenpolitik an. Welche Veränderungen bahnen sich an?

Das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen vom 12. Juni hat enorme Bedeutung für uns. 85 Prozent der Bevölkerung, das heißt 40 Millionen von 46 Millionen Wahlberechtigten, gingen an die Urne. Das ist nicht nur Weltrekord, sondern auch iranischer Rekord. Das Volk hat damit das System, das sich in den dreißig Jahren nach der Islamischen Revolution ungeachtet aller Schwierigkeiten entwickelte, bestätigt. Mit solcherart Sicherheit und Rückendeckung werden wir unsere Arbeit in der Innen- und Außenpolitik fortsetzen. Außenpolitisch bedeutet das, den Iran, der in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Geschichte ein großes Potential hat, in der Geopolitik eine bedeutende Rolle spielt, zur ersten Macht in der Region zu führen.

Die Wahl hat aber auch gezeigt, daß die Menschen Veränderung wollen. Ein nicht unbedeutender Teil der Iraner hatte sich schließlich für den Präsidentschaftskandidaten Mirhossein Mussawi entschieden. Daher wird sich innenpolitisch einiges im Management der Politik verändern müssen.

Diesbezüglich kündigte Präsident Ahmadinedschad eine Kabinettsumbildung an. Welche Minister wird das betreffen?

Zuvörderst geht es um Gerechtigkeit für die Armen. Minister, die die Wünsche der ärmeren Schichten der Bevölkerung nicht erfüllten, müssen ihren Hut nehmen. Der Präsident beteuerte aber auch, er wolle »Präsident aller« sein. Daher will er auch die Forderungen der Opposition erfüllen. Alle Menschen sollten entsprechend ihrer Fähigkeiten und Qualifikation gerecht behandelt werden; eine Forderung mit durchaus islamischer Färbung. Die Botschaft »Öl auf die Eßtische« hat von ihrer Symbolik nichts verloren, denn der Präsident wird seinen Kampf gegen das Lager in der iranischen Gesellschaft fortführen, das sich durch Vetternwirtschaft und Korruption enorm bereichert hatte und weiter bereichert.

Auch in der Außenpolitik wird es uns zunehmend um Gerechtigkeit gehen. Es gibt einige Länder, die über mehr Macht und Geld verfügen und sich daher herausnehmen, über das Schicksal anderer Völker zu entscheiden. Das ist nicht mehr zu akzeptieren.

Die iranische Opposition, wenn man sie als solche bezeichnen kann, möchte die Diskriminierung der Frauen überwinden.

Frauen spielten schon immer eine entscheidende Rolle in der Gesellschaft. Diskriminierung heißt zum Beispiel, daß die Frauen in einigen mit den USA liierten arabischen Ländern noch nicht einmal Auto fahren dürfen. Wo ist der Aufschrei? Natürlich fallen in unserer Gesellschaft die Rechte der Frauen mit islamischen Geboten, die unserer Lebensform zugrunde liegen, zusammen. Doch war unsere Religion die erste der Welt, die der Frau überhaupt wirtschaftliche Unabhängigkeit zuerkannt hatte. Wo stand da Europa vor einhundert Jahren?

Mahmud Ahmadinedschad bezeichnete die Präsidentenwahl vom 12. Juni 2009 beim genannten TV-Auftritt als »freieste Wahl der Welt«. Große Teile des Westens, die iranische Opposition und Exilanten sehen das völlig anders.

Es gab 50000 Wahlurnen im Land. In jedem Wahlbüro, meist Schulen oder Moscheen, verfolgten sieben vor Ort ausgesuchte Personen, die keiner bestimmten Partei oder Strömung angehörten, den Urnengang. Jeder Präsidentschaftskandidat stellte ebenfalls einen Beobachter. Nach Schließung der Wahllokale zählten alle genannten Personen, einschließlich der Vertreter der Kandidaten, die Stimmen. Sie zeichneten fünf Dokumente ab, die das Ergebnis der Abstimmung enthielten. Unmöglich, daß sich sieben voneinander unabhängige Personen verschwören, um schon vor Ort, an jeder Box, einen Wahlbetrug zu begehen. Das ist absurd.

Die Opposition wirft der Regierung trotz allem noch immer massive Wahlmanipulation vor. Wie soll diese Kritik aus der Welt geschafft werden?

Das Ergebnis der Wahlen in Iran ist korrekt! Es ist doch nicht neu auf der Welt, daß der unterlegene Kandidat seine Unzufriedenheit über den Wahlausgang bekundet. Der US-Demokrat Al Gore hat zum Beispiel das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl aus dem Jahr 2000, in der er über eine halbe Million Stimmen mehr auf sich vereinen konnte als George W. Bush, nie anerkannt. Oder schauen wir nach Mexiko. Dort wurde Felipe Calderón bei der Präsidentschaftswahl 2006 gegen den Linkskandidaten Manuel López Obrador zum Sieger erklärt. Obrador bestreitet das Wahlergebnis, mobilisierte über Wochen in Mexiko-City seine Anhänger, die sogar in Zeltstädten wohnten. Er rief sogar eine Gegenregierung aus. Es ist doch wie beim Fußballspiel: Die kämpfenden Mannschaften haben die Entscheidungen des Referees zu akzeptieren.

Trotzdem fordert die Opposition Neuwahlen.

Die Regierung richtete aufgrund dieser Forderung ein unabhängiges Gremium ein, das einen geeigneten Mechanismus zur Klärung suchte und fand: Es wurden zehn Prozent aller Stimmen nach dem Zufallsprinzip vor laufenden TV-Kameras – die iranische Öffentlichkeit nahm also an der Überprüfung teil – neu ausgezählt. Jegliche Manipulationsmöglichkeit war ausgeschlossen. Und erzielt wurde kein anderes Ergebnis als das vom Wahltag, vom 12. Juni. Jüngst hat die Regierung sogar noch die Fristen für weitere Proteste und Klagen verlängert. Außerdem wurden Kommissionen, die sich aus Freiwilligen oder einfach nur interessierten Bürgern rekrutieren, eingerichtet, die weitere Klagen und Beschwerden bearbeiten.

Präsident Ahmadinedschad warf den westlichen Regierungen »Einmischung« in die iranische Wahl vor und avisierte, in Zukunft entschiedener denn je international aufzutreten. Die größten Vorwürfe wurden gegen London erhoben. Können Sie das konkretisieren?

Unser Land machte mit den Großmächten Großbritannien, Rußland, den USA in den vergangenen hundert Jahren keine guten Erfahrungen. Der Stachel sitzt tief, und die Sensibilität für jede Art von Einmischung von außen wird eher stärker. Der britische Regierungssender BBC zum Beispiel richtete exakt acht Monate vor der Präsidentschaftswahl einen persischsprachigen Sender ein, dessen Programm nur einen Schwerpunkt kannte: die Wahlen. Sofort nach den Wahlen agierte er kaum mehr als Radiosender, sondern als eine Art Headquarter für zivilen Ungehorsam, das dann verbreitete, wo sich die Menschen versammeln sollen, was sie zu tun und unterlassen haben, wie sie sich verhalten sollen. Auch das persische Programm des US-Senders Voice of America – der aus den Töpfen des US-Haushaltes gespeist wird, die zum »Sturz des Regimes in Iran« vorgesehen sind – brachte vor den Wahlen sehr selektive Beiträge, die sich hauptsächlich mit den Möglichkeiten des »Regimewechsels« in Teheran befaßten.

Die Botschafter Schwedens, Tschechiens und Spaniens überreichten im Auftrag der EU dem Teheraner Außenministerium ein Schreiben, in dem die sofortige Freilassung des inhaftierten iranischen Beschäftigten aus der britischen Botschaft gefordert wird. Sollte das nicht geschehen, werde die EU »weitere Schritte einleiten« ...

Neun Briten waren in Haft. Acht wurden wieder auf freien Fuß gesetzt, da sie eine kleinere Rolle als Informanten für die britische Botschaft spielten. Wohlgemerkt: Wir haben die Freilassung veranlaßt, da gab es keinen Druck seitens der EU. Die noch inhaftierte Person wird momentan zu dem Vorwurf verhört, illegal Filmmaterial besorgt und der britischen Botschaft zur Verfügung gestellt zu haben. Ihr zur Seite steht einer der besten Anwälte des Landes. Stellt sich heraus, daß die Person gegen unsere Gesetze verstoßen hat, droht ihr eine Strafe. Drohgebärden seitens der EU verkomplizieren die Angelegenheit lediglich; sie nützen gar nichts.

Bilder von verprügelten, blutenden und sterbenden Teheraner Demonstranten gingen um die Welt. Für die westlichen Medien war es das Werk bewaffneter Kommandoeinheiten der Basidschi, die mit Knüppeln und Eisenketten auf Motorrädern Protestierende jagten. Waren die regierungstreuen Religionswächter außer Rand und Band?

Unabhängig davon, daß das Volk in Deutschland, Großbritannien, USA und in anderen demokratischen Ländern bei Demonstrationen niedergeknüppelt wird: Sowohl die Anhänger des Präsidenten Ahmadinedschad als auch die des Kandidaten Mussawi demonstrierten anfangs relativ friedlich. Doch es mischten sich zunehmend Unruhestifter dazwischen, die dafür sorgten – darüber berichtet hierzulande keiner –, daß acht Polizisten zu Tode kamen, über vierhundert verletzt wurden, daß einhundert Bankfilialen in Brand gesetzt wurden, daß unschuldige Menschen, Geschäftsleute verletzt wurden, daß es zu Toten kam, Sprengstoffanschläge auf das Mausoleum von Revolutionsführer Khomeini und Tankstellen verübt wurden. Die Sicherheitskräfte haben einen Trupp Randalierer verhaftet, der sich, bekleidet mit Polizei- oder Basidschi-Uniformen, unter die Demonstranten mischte und die Unruhen anheizte. Mirhossein Mussawi hatte sich von diesen Gewalttätern distanziert.

Eine weitere und nicht unwesentliche Rolle in den Unruhen spielten Terroristen der Volksmudschaheddin, eine terroristische Vereinigung, die seit Jahren vom Irak aus gegen uns agiert, von den USA finanziert wird und auf Druck Großbritanniens von der EU-Terrorliste gestrichen wurde. Ihre Agenten sind für blutige Terroranschläge im Iran vor und nach den Wahlen sowie für die Brutalisierung der Proteste mitverantwortlich.

Abschließend: Erwartet der Iran einen militärischen Angriff des Staates Israel?

Wer oder was ist Israel, das es wagt, sich in die Angelegenheiten anderer Länder einzumischen? Für meinen Teil: Ich wäre nicht abgeneigt, wenn sie es versuchen würden. Es wartet eine bittere Pille auf die Israelis, die sie dann schlucken können. Offenbar haben sie vergessen, wie ihnen im Sommer 2006 keine Armee, sondern lediglich eine paramilitärische Einheit den Hintern im Libanon versohlt hat.

Montag, 6. Juli 2009

Persönliches "Nein!" zu Volksinitiative und Homilius-Verlag

Auf der Homepage von Jürgen Elsässers "Volksinitiative", eine Koproduktion mit dem rechts-links-links-rechts gestrickten Kai-Homilius-Verlag, wird für mein Buch "Mordakte Hariri" geworben.

Ich erkläre, dass ich mit Elsässers "Volksinitiative" rein gar nichts am Hut hatte, habe und haben werde. Vom unsäglichen Homilius-Verlag hatte ich mich bereits Mitte 2006 getrennt.

Jürgen Cain Külbel

Montag, 29. Juni 2009

Iran: Das Scheitern des “grünen” Putsches

Hintergrund / 26. Juni 2009 /

Iran: Das Scheitern des “grünen” Putsches

„Operation Ajax 2“ und ihr Fiasko -

Von JÜRGEN CAIN KÜLBEL, 26. Juni 2009 -

„Seit Ausbruch der Proteste gegen das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen versucht die (iranische) Führung, im Konflikt mit der Opposition alte Feindbilder in der Bevölkerung zu beschwören: Die Regimegegner seien von westlichen Mächten und Medien angestiftet, allen voran vom ‚Großen Satan’ USA.“
Yassin Musharbash und Philipp Wittrock, SPIEGEL-Online am 22. Juni 2009 in „Wie der Westen sich in der Iran-Frage windet“ (1)

Einzigartig, mit welcher Dreistigkeit, vor allem Bereitschaft zur Lüge, sich „die von der US-Regierung kontrollierten, korporierten US-Medien, ein Propagandaministerium“ sowie die regimenahen Medien Großbritanniens und Deutschlands, um nur einige Vertreter der ‚freien demokratischen Presse’ zu nennen, auf die zurückliegende Präsidentschaftswahl im Iran und die Ereignisse danach gestürzt haben. Gekaufte Journalistenseelen arbeiteten bereitwillig den Vorgaben der ‚Politik’ zu – „die Regierungschefs der Marionettenstaaten Großbritannien und Deutschland haben sich der amerikanischen Operation der psychologischen Kriegsführung angeschlossen“ - und stellten einen „Wahlbetrug (in Iran) als Tatsache hin, obwohl es dafür keinerlei Beweise gibt“, erboste sich Paul Craig Roberts, einst Vizefinanzminister unter US-Präsident Ronald Reagan und Mitherausgeber des Wall Street Journal am 16. Juni 2009 in „America’s Best Political Newsletter Counterpunch“. (2) Beispiele solcherart Falschdarstellungen finden sich in deutschen Medien vor allem im Tagesspiegel, der Zeit, im Spiegel. Aufschlussreich, dass sie das Werk zweier, dreier besonders „eifriger Journalisten“ sind... [mehr]

Mittwoch, 17. Juni 2009

Mäßigung und Protest

Junge Welt / 17.06.2009 / Ausland / Seite 6

Mäßigung und Protest

Iran: Wahlverlierer Mussawi fordert zu friedlichen Kundgebungen auf. Regierung kündigt an, »samtene Revolution« im Ansatz zu verhindern

Von Jürgen Cain Külbel

Die Anhänger des Verlierers der iranischen Präsidentenwahl, des als »Reformer« angetretenen Politveteranen Mirhossein Mussawi, protestieren weiter. Einem Radiobericht des iranischen Staatssenders Pajam zufolge hat es am Montag in Teheran erste Todesopfer gegeben: »Mehrere Rowdys wollten einen Militärposten angreifen in der Absicht, Waffen zu erbeuten. Dabei wurde öffentliches Eigentum in der Nähe des Azadi Square zerstört. Leider sind sieben Menschen getötet und mehrere andere verletzt worden«, hieß es.

Nach der Großkundgebung am Aza di Square, bei der Zehntausende, so der Nachrichtensender Al-Dschasira, für den unterlegenen Mussawi friedlich demonstriert hatten, versuchte eine Gruppe, den Posten der mit Irans Revolutionsgarden kooperierenden Freiwilligenmiliz Basij in Brand zu setzen und zu erstürmen. Daraufhin schossen die Milizionäre auf die Provokateure. Mussawi forderte am Dienstag seine Unterstützer, die in den vergangenen Tagen Unmengen Mülltonnen, Reifen sowie Autos und Motorräder angezündet hatten, zur Mäßigung, aber auch zu weiteren Protestkundgebungen auf.

Parallel zu den gewaltsamen Vorkommnissen hatten sich Tausende Anhänger von Präsident Mahmud Ahmadinedschad vor den Toren der britischen und der französischen Botschaft in Teheran versammelt; dort schwenkten sie iranische Flaggen und skandierten antiamerikanische und antibritische Slogans. Demonstranten, die sich eine Einmischung der »westlichen Demokratien« in die inneren Angelegenheiten des Iran, auch in die jüngsten Präsidentschaftswahlen, verbaten, trugen Schilder mit der Aufschrift »Nieder mit den USA, UK und Frankreich«. »Wir haben uns hier versammelt, um gegen die verdeckte Agenda (der Briten und der Welt), die darauf abzielt, Chaos in unserem Lande anzurichten, zu protestieren«, erklärte ein Teilnehmer dem Sender Al-Dschasira in Reaktion auf die Provokation des britischen Außenministers David Miliband, die iranische Regierung setze »Staatsgewalt gegen die eigenen Leute in Teheran und anderswo« ein. Ein Iraner, der vor der französischen Vertretung protestierte, forderte »alle unterdrückenden Regierungen (in den USA und der EU) auf, sich nicht in die Zukunft unseres Landes einzumischen. Wir werden uns ihnen mit all unserer Kraft in den Weg stellen«. Auch Ali Laridschani, Sprecher des iranischen Parlaments, ermahnte am Dienstag »die USA und einige europäische Länder, ihre eigenen Probleme im Auge zu behalten. Es besteht keine Notwendigkeit für die Amerikaner, sich über den Iran und seine Wahlen Sorgen zu machen«. Den Europäern, auch den Deutschen, empfahl er, »da sie sehr vorschnell« auf die Wahlen reagiert hätten, »sich nicht durch Einmischung in diese Angelegenheit zu blamieren«. Der geistliche Führer des Landes, Ajatollah Ali Khamenei, hatte am Montag eine Prüfung des Wahlergebnisses angeordnet, nachdem eine Zweidrittelmehrheit für Präsident Ahmadinedschad gestimmt hatte. Nunmehr werde der Wächterrat die Betrugsvorwürfe des Zweitplazierten Mussawi »genau« prüfen, so Khamenei.

Es ist kein Geheimnis, daß der ehemalige US-Präsident George Bush, der Teheran auf die »Achse des Bösen« hievte, bereits 2002 vom Kongreß 20 Millionen Dollar für das »Vorantreiben von Demokratie in Iran« lockermachen ließ. 2006 schob die Administration weitere 75 Millionen Dollar nach. Ein Teil ging an »Vertraute« im Iran und diverse Nichtregierungs- und Menschenrechtsorganisationen. Nicht bekannt ist, ob Geldspritzen an Mussawi und seine Berater in London und Paris geflossen sind. Zumindest ist Mussawi seit Mitte der 80er Jahre gut Freund mit dem radikalen US-Neokonservativen Michael Ledeen. 2001 hatte Ledeen die »Koalition für Demokratie im Iran« (CDI) gegründet, um mit Ex-CIA-Direktor Woolsey auf einen »Regimewechsel« in Teheran hinzuarbeiten. Mussawi und Ledeen kennen sich seit der Iran-Contra-Affäre; beider Freund ist der frühere iranische Waffenhändler Manuchehr Ghorbanifar, Schlüsselfigur jener Affäre sowie Agent diverser Geheimdienste.

Jedenfalls warnten die iranischen Autoritäten unmittelbar nach der vereitelten Stürmung des Militärpostens der Basij, sie würden ab sofort jede »samtene Revolution« im Ansatz verhindern.

Dienstag, 16. Juni 2009

Verlierer will siegen

junge Welt / 16.06.2009 / Schwerpunkt / Seite 3

Verlierer will siegen

Straßenschlachten nach Wiederwahl Ahmadinedschads im Iran. Herausforderer Mussawi setzt Überprüfung der Ergebnisse durch

Von Jürgen Cain Külbel

Nach dem Erdrutschsieg des amtierenden Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad bei den iranischen Präsidentschaftswahlen am vergangenen Freitag ist es am Wochenende in Teheran zu Zusammenstößen zwischen gewaltbereiten jungen Oppositionellen, angestachelt durch zahlreiche Vermummte, und der Polizei gekommen. Die Randalierer, wütend ob der Niederlage ihres Favoriten, des 68jährigen Politveteranen Mirhossein Mussawi, riefen »Tod dem Diktator«, »Nieder mit der Diktatur« oder »Freiheit«. Sie zündeten Mülltonnen, Parkbänke und Autoreifen an, Fensterscheiben von Geschäften und Banken gingen zu Bruch. Der arabische TV-Sender Al Dschasira berichtete, die Demonstranten hätten Polizisten mit Steinen beworfen, die daraufhin mit Stöcken zurückgeschlagen, Tränengas eingesetzt und Warnschüsse abgefeuert hätten. Nach Polizeiangaben wurden rund 60 Demonstranten festgenommen.

Mahmud Ahmadinedschad hatte am Freitag die Präsidentschaftswahl laut der iranischen Nachrichtenagentur ISNA mit 62,63 Prozent respektive 24.527.516 Wählerstimmen für sich entschieden. Er konterkarierte so die Wahlkampfthese seines wichtigsten Herausforderers, des gemäßigt konservativen Mussawi, der behauptet hatte »65 Prozent der Menschen glauben, daß sich das Leben im Iran nicht genießen läßt«. Der frühere Ministerpräsident, der damit warb, das Verhältnis zu den USA verbessern und Reformen im Land anpacken zu wollen, kam den Angaben zufolge auf 33,75 Prozent bzw. 13.216.411 Stimmen.

Mussawi erkannte seine Niederlage nicht an und warf der Führung des Landes Wahlfälschung vor. Der Unterlegene forderte eine Annullierung der Wahl wegen »Unregelmäßigkeiten«. Einen diesbezüglichen Antrag reichte er beim zuständigen Wächterrat ein. Ayatollah Ali Chamenei, das geistige Oberhaupt des Iran, verfügte laut einem Bericht des staatlichen Fernsehens vom Montag eine Überprüfung der Präsidentenwahl. Der Vorwurf des Wahlbetrugs solle untersucht werden. Ahmadinedschad wies all die Vorwürfe strikt von sich: Seine Wiederwahl, die »wahr und frei« über die Bühne ging, »wird die Macht des Landes und seine Zukunft verbessern. Einige glaubten, sie würden gewinnen, und dann sind sie wütend geworden«. In einer Rede vor Tausenden seiner Wähler auf Teherans Vali Asr Square hatte er am Sonntag erklärt: »Die Wahlen in Iran sind die saubersten. Aber einige innerhalb als auch außerhalb Irans kommen nun heraus und sagen, die Wahlen seien gefälscht worden. Wo sind denn die Wahlfälschungen?«

Mussawi trägt keine unwesentliche Schuld an den jüngsten Ausschreitungen. Die Wahllokale waren am Freitag kaum geöffnet, da hatte er seinen Anhängern öffentlich bereits den Sieg verkündet. Ob er von seinem Londoner Wahlkampfberater Abolfazl Fateh zu diesem ungewöhnlichen Schritt gedrängt wurde, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Auch ist es nicht das erste Mal, daß seine Anhängerschaft, hauptsächlich aus der Oberschicht des Landes und von begütertern Iranern stammend, randaliert. Am Spätabend des 4. Juni, Minuten nach dem ersten, somit historischen Rededuell zwischen Amtsinhaber und Herausforderer in Irans Staatsfernsehen, feierten sie Mussawi auf den Straßen in Niavaran, in Teherans Norden, als den kommenden Sieger. Etwa 60 seiner »Fans« versuchten, ins dortige »Zentrum für strategische Studien«, das zum staatlichen Schlichtungsrat gehört, einzubrechen. Nachdem sie von der Polizei daran gehindert worden waren, randalierten sie bis in die frühen Morgenstunden auf den Straßen.

Für Montag nachmittag hatte Mussawi seine Anhänger zu einem »Sternmarsch« aufgerufen. Augenzeugen beschrieben die derzeitige Lage als »äußerst gespannt«. Ahmadinedschad warf in dem Zusammenhang den westlichen Medien – etwa 600 ausländische Reporter verfolgten die Wahlen vor Ort vor, einen »psychologischen Krieg« gegen ihn und den Iran zu führen. So sei im Vorfeld international suggeriert worden, der »Reformer« Mussawi würde als Sieger aus den Wahlen hervorgehen. Die Medien hätten gezielt dessen »grüne« Anhängerschaft hochgejubelt, was zu falschen Erwartungen führte.

Al-Dschasira-Reporter Alireza Ronaghi berichtete indes unter Berufung auf iranische Agenturen, ein »Komitee, angeführt von zwei älteren Unterstützern Mussawis, organisiere die Straßenschlachten gegen das Wahlergebnis«. Sadegh Zibakalam, Leiter des Departments für Iranische Studien an der Universität Teheran, hält dagegen, die Demonstrationen seien großenteils »spontane« Erwiderungen auf den Wahlausgang: »Kein einziger gibt denen Kommandos, erteilt denen Befehle, keiner führt sie an.«

Mittwoch, 10. Juni 2009

Wahlkarneval in Iran

Junge Welt / 11.06.2009 / Schwerpunkt / Seite 3

Wahlkarneval in Iran

Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Präsident Ahmadinedschad und seinem Herausforderer Mussawi. Ihre Anhänger wetteifern auf den Straßen um die schrillste Unterstützung

Von Jürgen Cain Külbel, Teheran

Am Shahid Doktor Bahonar Square, hoch droben in Teherans Norden, 700 Meter über Downtown, tobt allabendlich eine Wahlschlacht, die einen Hauch von brasilianischem Karneval verbreitet. Während auf einer Straßenseite die Anhänger von Präsident Mahmud Ahmedinedschad auf den Dächern ihrer Autos und dem Bürgersteig tanzen, hüpfen, singen, riesige Porträts und Iran-Flaggen schwenken, skandieren die Fans des Präsidentschaftskandidaten Mirhossein Mussawi auf der anderen Seite lauthals mit Sprüchen, wedeln mit Postern und versprühen Unmengen von Schneespray in vorüberfahrende Autos sowie auf die Köpfe derer, die nicht schnell genug flüchten können. Laut sind sie, am schrillsten zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens; aber es geht friedlich zu. Wenn die Chinaböller allzuoft zwischen den Tausenden Menschen landen, dann schreitet die Polizei ein: Mittels zweier Marschreihen, die trillernd und im lockeren Laufschritt einige Minuten lang in der Straße herumirren, ohne jemandem ein Haar zu krümmen.

Am Freitag wählt Iran seinen neuen Präsidenten. Der Wächterrat hat vier Kandidaten zugelassen: Amtsinhaber Mahmud Ahmadineschad, Exministerpräsident Mirhossein Mussawi, Ex-Parlamentssprecher Mehdi Karrubi und den ehemaligen Chef der Revolutionären Garden, Mohsen Resai. Die Herausforderer möchten das Verhältnis zu den USA verbessern und Transparenz im Nuklearprogramm herstellen. Während Rezai für eine gemeinsame Urananreicherung in Iran mit Rußland, Europa und den USA wirbt, fordert Karrubi das Know-how der Atomtechnik ein. Doch längst zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem jetzigen Präsidenten und seinem Herausforderer Mussawi ab.

Hitzige TV-Debatte

In einer hitzigen TV-Debatte zwischen Ahmedinedschad und Herausforderer Mussawi, ein Novum in Irans Staatsfernsehen, von Millionen Zuschauern verfolgt, verteidigte der Präsident seine Innen- und Außenpolitik: »Während der letzten vier Jahre konnte sich der Iran würdig entwickeln, sowohl innerhalb wie außerhalb der Landesgrenzen.« Der Kontrahent griff frontal an: »Es wurde uns großer Schaden zugefügt. Die Spannungen zwischen dem Iran und den anderen Länder wachsen. Ist das wirklich in unserem Interesse?« Iran, so Mussawi, müsse seine abenteuerliche, labile, extremistische Außenpolitik ändern und sich moderat verhalten. Ahmadinedschad indes betitelte seine Gegner »als Unwissende, die ihre Augen vor den Tatsachen der Welt geschlossen haben«. Kritik wegen hoher Inflation, steigender Arbeitslosenzahl, Wohnungsmangel schmetterte er ab, da es »die sozialen Probleme nicht erst seit vier Jahren gebe« und das keine neuen Themen seien. Zudem warf er allen Regierungen der letzten 24 Jahre vor, korrupt oder untauglich gewesen zu sein, den Iran korrekt zu führen.

Tatsächlich steckt die Wirtschaft trotz rasant steigender Einnahmen auf dem Ölmarkt in einer tiefen Krise: Lebensmittel. und Konsumgüterpreise steigen ständig, die Inflationsrate liegt über der 20-Prozent-Marke, die Arbeitslosigkeit, insbesondere unter Jugendlichen, nimmt kontinuierlich zu. Zudem sind 270 Milliarden Dollar Einnahmen aus den letzten drei Ölboomjahren spurlos verschwunden.

Einige inländische Beobachter sagen Ahmadinedschad 60 Prozent der Stimmen voraus, während andere Mussawi vorn sehen. Ausländische Wahlbeobachter, wie der Inder Dr. Naved Jamal, Mitarbeiter am Department of Political Science des Jamia Millia Insitutes in Neu-Delhi, sehen das anders: »Die Wahl wird sich in den letzten drei Tagen entscheiden. Ahmadinedschad wird bei den ärmeren Schichten punkten«, erklärte er junge Welt. Der russische Historiker und Duma-Abgeordnete Gennadi Petrovitsch, der die Islamische Revolu tion 1979 hautnah erlebte, seitdem mit Unterbrechungen im Lande ist, weiß, daß Ahmedinedschad »seine Stimmen nicht in Teheran, sondern aus den anderen Städten des Landes sowie von der Landbevölkerung erhalten werde«. Der frühere pakistanische Außenminister und Botschafter in den USA, Akram Zaki, sagte junge Welt, »die iranische Regierung ist stark, stärker als unsere und die anderer Länder der Region. Ahmadinedschad wird das Rennen machen.«

Huldigung in grün

Mussawi, der ankündigte, »Sittenpolizei« und Gesetze abschaffen zu wollen, die Frauen diskriminieren, punktet vor allem bei Jugendlichen und Studenten. Und das auch wegen Gattin Rahnavard, früher Dekanin der Frauenuniversität Al Azar in Teheran, die bei seinen Wahlkampfauftritten die Eröffnungsrede hält. Die heutige Künstlerin wird bereits von den »Grünen« als Mussawis »Michelle« – in Anlehnung an Obamas Ehefrau – gefeiert.

Mit Grün, der Farbe des Islam, huldigen vor allem junge Frauen und Männer ihrem Kandidaten: Junge Damen haben den langen, dunklen Tschador gegen einen grünen getauscht, lackieren die Fingernägel grün, tragen grüne Kopftücher und Lidschatten; junge Männer schmücken sich mit grünen Arm- und Stirnbändern, tragen grüne T-Shirts. Amin, ein 16jähriger Schüler, der mit grüner Hose, Hemd, Spitzhut herumläuft, einen großen belaubten Ast am Shahid Doktor Bahonar Square mit sich herumschleppt und aussieht wie ein Waldschrat, »möchte den Wandel. Er will Alkohol trinken können und sich mit seiner Freundin offen zeigen können«.

Es sind die »Kinder der Reichen, die sowieso schon alles haben und nicht genug bekommen können«, die hier Tag um Tag vom späten Nachmittag bis nachts um zwei, drei die Straßen friedlich okkupieren, um den »Change Iran« einzuleiten, erklärt Hojjat, einer, der am Ende der Nacht den Dreck der Jungen von der Straße kehren muß, mit säuerlicher Miene. Hier, an den Hängen des nahen Elburs-Gebirges, weiß er die Begüterten der Stadt zu Hause. »Und die, diese Leute von da droben, wählen Mussawi.« Er sei, wie die Mehrheit der Bevölkerung auch, mit Präsident Ahmadinedschad zufrieden, weil er etwas für das ganze Land tue, vor allem für die Armen. »Ahmadinedschad sagt seine Meinung, da interessieren ihn keine USA und UNO, die sowieso nichts Gutes im Schilde führen«, weiß der Straßenfeger.

Der amtierende Präsident erhielt am vergangenen Donnerstag vom geistlichen Oberhaupt, Ajatollah Ali Khamenei, zusätzlich Rückendeckung: Anläßlich einer Zeremonie zu Ehren des verstorbenen Revolutionsführers Khomeini, zu der sich in Teherans Heiligem Schrein an der Ausfallstraße Richtung Qom Millionen Gläubige unter sengender Sonne versammelt hatten, griff der die USA noch kurz vor Obamas Rede in Kairo heftig an. »Die Nationen in diesem Teil der Welt hassen die USA zutiefst. Auch wenn diese süße und schöne Reden vor den muslimischen Ländern halten, ändert dies nichts.« Israel betitelte er als »Krebsgeschwür im Herzen« der muslimischen Länder. Nach der Zeremonie schmückten die Gläubigen ihre Autos vorzugsweise mit Bildern von Ahmadinedschad. Auch die vielen Geschäfte des Basars im Herzen der Stadt, ein Labyrinth kolossalen Ausmaßes, wo die Händler eigentlich mit der miesen Wirtschaftslage kämpfen müßten, sind merkwürdigerweise fast ausschließlich mit Wahlwerbung für Ahmadinedschad geschmückt; was seine Kritiker eigentlich strafen sollte.

Am Freitag wird eine hohe Wahlbeteiligung erwartet, vor allem unter den Jungwählern; 70 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre. Das kleine Mädchen, das aus dem Schiebedach des Autos herausguckt, mit einem Bildnis von Mussawi winkt und dazu mit piepsiger Stimme »Ahmedinedschad, Ahmedinedschad« ruft, muß sich jedenfalls bis dahin nicht entscheiden.

Dienstag, 26. Mai 2009

»Klarer Versuch, Unruhe anzuheizen«

Junge Welt / 27.05.2009 / Ausland / Seite 6

»Klarer Versuch, Unruhe anzuheizen«

Libanon: Angebliche Spiegel-Enthüllungen zum Hariri-Mord sorgen weiter für internationale Reaktionen

Von Jürgen Cain Külbel

Die Behauptung des Nachrichtenmagazins Der Spiegel vom Wochenende, wonach eine Sondereinheit der schiitischen Hisbollah-Miliz im Libanon den Mord am Expremier, dem Milliardär Rafik Hariri, im Februar 2005 »geplant und exekutiert« habe, sorgte nicht nur im arabischen Raum weiter für Aufregung. So bezeichnete Rußlands Außenminister Sergei Lavrov die Veröffentlichung als »Provokation«. Anläßlich seines Besuchs am Montag bei Libanons Premier Michael Suleiman meinte er, mit ihr sollten »die Angelegenheiten politisiert« werden. »Alle derartigen Versuche betrachten wir als provokativ.«

Syriens Außenminister Walid Al Moallem nannte den Beitrag »Lüge und wertloses Gekritzel«. Er fühle sich »an die Praktiken des früheren Untersuchers Detlev Mehlis erinnert«. »Die Art des Berichtes ist provokativ, das Timing ist keinesfalls naiv und, gekoppelt mit der israelischen Reaktion, ein klarer Versuch, Unruhe anzuheizen«, meint Fadia Kiwan, Leiter der Politischen Wissenschaften an Beiruts Saint-Joseph-Universität.

Die Hisbollah selbst sieht in der israelischen Reaktion auf den Bericht den Auftakt zur »Vorbereitung der Ermordung von Nasrallah«, so deren Vertreter Nawaf Moussawi. Nasrallah wertete, die Veröffentlichung sei »sehr gefährlich, gefährlicher als der Angriff auf den Bus in Ain Al-Rummaneh«, der einst zum libanesischen Bürgerkrieg geführt hatte. »Israelis und Amerikaner fragten sich, wie sie die Wahlen am 7. Juni ruinieren und den Ausgang beeinflussen können. Der Spiegel war ihre Antwort«, so Nasrallah.

Unterdessen nutzte der israelische Außenminister Avigdor Lieberman die Veröffentlichung dazu, einen »internationalen Haftbefehl« gegen den Generalsekretär der Hisbollah, Sayyed Hassan Nasrallah, zu fordern. Wenn es dazu nicht käme, »dann sollte er gewaltsam arrestiert werden«, erklärte Lieberman am Montag.